(01) Gimme Head ‚Til I’m Dead

Tonight tonight
I’m on my way
Just set me free
Home sweet home

(MÖTLEY CRÜE: Home Sweet Home – Theatre Of Pain 1985)

26.06.2013 12-12-56

Samstag, 28. Juli 1990, Festzelt Vogelweh, Kaiserslautern:

Unser letzter Song, ‚Home Sweet Home‚ – den ich wie üblich das Vergnügen hatte, singen zu dürfen -, dröhnte mir noch in den Ohren als ich zusammen mit unserem Gitarristen Keith, der bei einem Jimi Hendrix-Lookalike-Contest mühelos unter die Top 5 gekommen wäre, meinen Golf belud. Ich war skeptisch, ob ich meine Klamotten, den Peavey-Amp, zwei Mikrofonständer, den Charvel-Bass und vor allem die die 4×12 Marschall-Box unterbringen würde, aber Keith meinte nur:
„It will fit. And you know why? Because it has to fit!“
Er hatte Recht, es musste einfach passen, denn meine Bereitschaft, nur wegen einer bescheuerten Bassbox nochmal zurück in die Pfalz zu kommen, hielt sich in engen Grenzen.
Und was soll ich sagen? Es passte.
Wenn auch knapp.

Ich zückte meine Marlboros und bot Keith eine an. Wir rauchten schweigend. Es war weit nach Mitternacht. Ich konnte das Gegröle der > 1000 GIs – größtenteils Männer und größtenteils besoffen – aus dem Festzelt hinter uns hören und war erleichtert, dass ich mich nie wieder mit dieser Art von Publikum rumschlagen musste. Weil: Heute war mein letzter Gig mit der Richard Head Band, nach der Kippe würde ich ein letztes Mal die 700 KM nach Berlin, meinem neuen Zuhause, runterreißen und gegen Morgengrauen ankommen.
Die Pendelei hatte ein Ende, die Zukunft konnte endlich beginnen.

Seit Januar war ich ein Wandler zwischen den Welten gewesen. Auf der einen Seite meine neue Heimat Berlin, auf der anderen ein ziemlich gut bezahlter Job bei der Richard Head Band, der es mir ermöglichten, mich in meiner neuen Stadt voll und ganz auf die Suche nach einer hart rockenden Band mit Potential und eigenen Songs zu konzentrieren.
Problem an der ganzen Sache: Die Head Band residierte in meiner zukünftigen Ex-Heimat, der Pfalz. Aber wie hieß es so schön: Man soll eine Kuh so lange melken, wie sie Milch gibt. Was ich dann auch ausgiebig tat.
Auch wenn sie 700 KM weit weg graste.

200-300 Mark pro Gig waren die Regel. Bei drei Gigs an einem Wochenende und knapp 6 Gigs im Monat verdiente ich für einen 25-Jährigen Ex-Plattenverkäufer ohne abgeschlossene Ausbildung und abgeschlossenes Studium gar nicht mal so schlecht. Und für die Auftritte wie jetzt im Festzelt auf dem amerikanischen Volksfest auf der Vogelweh gab es immer doppelte Gage, obwohl man wie sonst auch die üblichen 5 Sets à 45 Minuten à ca. 12 Songs spielen musste.
Als ich Charly (Keyboards/Gesang/Bandleader/Deutschland), Keith (Gitarre/Gesang/Amerika) und Mo (Drums/kein Gesang/England) letzten Monat mitgeteilt hatte, dass ich Ende Juli, nach den Gigs im Festzelt aussteigen würde, hatten sie mich für komplett unzurechnungsfähig erklärt. Meine Erwiderung hatte meinen zukünftigen Ex-Bandmembers aber jeglichen Wind aus den nicht vorhandenen Segeln genommen:

„Warum leckt ein Hund seinen eigenen Schwanz? Weil er’s kann!“

Und ich konnte.
Also nach einem gefühlt endlosen Zivildienst – 20 fucking Monate!!!! – jetzt endlich die Freiheitskarte ziehen und tun und lassen, was ich wollte. Und was ich wollte war klar:

1. Nach Berlin ziehen: Done.
2. Mit der Head Band Kohle verdienen: Done.
3. In Berlin eine neue Band finden und Rockstar werden: Na ja, noch nicht ganz so done…

Auf jeden Fall hatte ich genug davon, Songs Anderer nachzuspielen. Ich war 25, verdiente seit 1986 meine Kohle mit der Musik und wollte jetzt endlich mit eigenen Sachen loslegen. Hatte genug von Amiclubs, besoffenen, ‚Fucking A!‘ grölenden und lautstark ‚Free Bird!‘ fordernden Militärangehörigen, konnte ‚Sweet Home Alabama‘, ‚Summer of 69‘, ‚Jumpin‘ Jack Flash‘, ‚Proud Mary‘ und dem ganzen Oldie-Rotz nicht mehr hören. Ich stand auf Bands wie Faith No More, Skid Row, Soundgarden, Judas Priest, The Cult, Voivod, Badlands, Prong, Circus Of Power, Kingdom Come, Tesla, D.A.D, Bang Tango, Mr. Big, Dogs D’Amour, Cinderella, Queensryche, Suicidal Tendencies, Pantera…

Aber mit der Head Band ging es nicht darum, sich musikalisch selbstzuverwirklichen, sondern darum, Kohle zu verdienen. In der Zeit von Januar bis Ende Juli hatten wir insgesamt 53 Gigs runtergerissen, verpassten – bis aufs Endspiel – sämtliche Spiele der deutschen Mannschaft bei der WM in Italien, spielten uns in jedem gottverdammten Club auf jeder gottverdammten Ami-Military-Base im Umkreis von 200 – 300 KM um Kaiserslautern den Arsch auf: Gießen, Spangdahlem, Friedberg, Frankfurt, Sembach, Ramstein, Karlsruhe, Neckarsulm, Zweibrücken, Heidelberg, Hahn, Mainz, Heilbronn, Crailsheim, Baumholder…
Natürlich war uns allen bewusst, dass wir musikalische Söldner/Nutten waren. Selbst Charly konnte nicht sagen, die wievielte Inkarnation der Head Band wir gerade verkörperten. Er vermutete Mk XXVII oder so. Die einzige Konstante der Band war Charly, der es über die Jahre geschafft hatte, das Unternehmen Richard Head Band in den Amiclubs der Umgebung langfristig zu etablieren. Nicht zuletzt natürlich aufgrund der Tatsache, dass unser Set überraschenderweise zu 100 % auf ein amerikanisches Militär-Publikum zugeschnitten war…

Da wir alle schon reichlich Erfahrung im Covern und mit Amiclubs hatten – meine erste Band begann als Rockband mit eigenen Songs und endete als abgehalfterte Amiclub-Hure. File Under: 1984 bis 1987 -, verschwendeten wir vor dem 1. Gig unsere Freizeit auch nicht weiter mit langwierigen Proben, weil: wer probt verliert. Wenn wir nicht mehr wussten, wie ein Song weiterging, fing Keith eben an zu shreddern. Ich erinnere mich an einen Gig, bei dem nach dem zweiten Song Charlys Keyboard den Geist aufgab, was natürlich für einen Song wie ‚Jump‚ von Van Halen extrem kontraproduktiv war. Aber wer sprang in die Bresche? Natürlich Evil-Shredding-Keith! Er shredderte fast eine halbe Stunde lang, ein breites Dauergrinsen im Gesicht, während Charly versuchte, sein Keyboard wieder an den Start zu bringen und Mo und ich uns hinter der Bühne eine Flasche Jack Daniel’s reinzogen. Natürlich mit dem festen Vorsatz, uns während dieser unverhofften, aber dennoch willkommenen Pause so schnell wie möglich zu besaufen. Den Whiskey hatte Mo mitgebracht, denn in den Amiclubs gab es pro Bandmitglied nur zwei Freigetränke. Unnötig zu erwähnen, dass man sich um Essen auch selbst kümmern musste.

Ab und an fielen aber ein paar kostenlose Eiswürfel für unseren Whiskey ab.

Irgendwann – meistens weit nach Mitternacht – abbauen, das Equipment in Charlys Hänger laden und nach Hause fahren. Manchmal war auch Mo mit seinem alten Benz am Start, mit mir als Beifahrer. Wir ließen uns mit der Rückfahrt immer Zeit, hielten an irgendeiner Raste, wo sich Mo morgens um 3 seinen geliebten ’strammen Max‘ reinziehen und ich in Ruhe ein paar deutsche Gerstenkaltschalen vernichten konnte. Die schaumlose pisswarme Ami-Plörre in den Clubs, die sie Bier nannten, ging nämlich gar nicht.

Was eigentlich auch gar nicht ging, aber stillschweigend bis grummelnd von mir toleriert wurde – man wurde ja angemessen dafür bezahlt -, war der Umstand, dass ich u.a. ‚Proud Mary‚ von CCR singen ‚durfte‘, da Charly der Meinung war, meine Stimme wäre dafür perfekt. Er und Keith hatte einfach keinen Bock, den Song zu singen, das war der wahre Grund.
Noch heute wache ich manchmal schweißgebadet auf, da ich von den Textzeilen ‚Rolling, rolling, rolling on a river‘ gealbträumt hatte…

Aber ‚Proud Mary‘ hin, schaumlose Ami-Plörre her; eigentlich lebte ich – nach Beendigung meines Zivildienstes, Anfang des Jahres – ein ziemlich cooles Musiker-Lotterleben und hatte dennoch genug Kohle, um mehr recht als schlecht durchzukommen. Dennoch war mir klar, dass ich demnächst die Handbremse ziehen musste, wollte ich nicht im Niemandsland der Clubmusik versumpfen. Denn diese Gefahr bestand, trotz des brandneuen Eintrags in meinem Perso: Fechnerstr. 17, 1000 Berlin 31.
Aber ich durfte mich nicht von der regelmäßigen Kohle der Head Band von meinem Traum abbringen lassen, der da lautete: Rockstar werden! Und zum Rockstar werden brauchte man nun mal eine Band mit eigenen Songs. Leider hatte sich der Großteil der Musiker in und um K-Town aufs Covern verlegt, kaum einer hatte Interesse an eigener Mucke.
Und die, die Interesse hatten, an denen hatte ich kein Interesse.
Man wurde kein Rockstar als Mitglied einer Amiclub-Band in der Pfalz, Punkt.

Obwohl, es gab zwei Ausnahmen: Iain Finlay (Drummer) und Jim Stacey, ein genialer Basser und begnadeter Sänger, beide bei der damals angesagtesten und richtig hart rockenden Clubband namens Breakpoint.
Ich hatte die Jungs einmal live auf dem Ami-Volksfest auf der Vogelweh gesehen und war geplättet. Die zockten Songs von Ozzy, Quiet Riot, Sammy Hagar, Van Halen, Whitesnake, Cinderella und zwar in solch einer Qualität und raw power, dass einem die Schädeldecke hochging. Die Jungs waren für uns und den Rest der Clubbands der absolute Maßstab, aber keiner kam auch nur halbwegs an die Klasse von denen ran.
Ich hatte ein paar Mal das ‚Vergnügen‘, zusammen mit Iain proben zu dürfen und stand danach jedes Mal kurz vor einem Hörsturz. Der Kerl war einfach nur pure Power, Gewalt und, tja, Lautstärke. Quasi John Bonham und Cozy Powell in einem.

1988

Iain mit dem Autor (Autor links, Iain daneben) im Jahr des Herrn 1987. Die beiden anderen sind Mike Johnson (auch ein Urgestein der Pfälzer Amiclub-Szene) und Dee (Sänger meiner ersten Band). Kann mich vage daran erinnern, dass wir vorhatten, irgendein Projekt mit eigenen Songs an den Start zu bringen und auch ein paar Mal geprobt hatten, aber das Ganze sich dann durch Iains Job bei RUNNING WILD, bei denen er 1988 – über welche seltsame Connections auch immer – landete und mit ihnen das Album ‚Death Or Glory‚ aufnahm, ziemlich schnell wieder erledigte.
Und so schnell  wie sich unser geplantes Projekt erledigte, erledigte sich auch Iains Job bei RUNNING WILD: Kurz vor der anstehenden Tour zu ‚Death Or Glory‘ brach er sich den Arm und wurde von Rock’n‘ Rolf vor die Tür gesetzt…

Bei Jim Stacey lief das Ganze ähnlich ab. Er wurde 1989 von ACCEPT angeworben, die gerade Jörg Fischer und Udo Dierkschneider verloren hatten. Stacey wurde aber nicht als Bassist sondern als Rhythmus-Gitarrist verpflichtet (unnötig zu erwähnen, dass der Mann natürlich auch eine amtliche Gitarre spielte!). To cut a long story short: Auf dem ‚Eat The Heat‚-Album wurden alle Klampfen von Wolf Hoffmann eingespielt und Stacey durfte nur live ran. Das Album floppte big time, ebenso wie die Tour, und Stacey war danach bei ACCEPT Geschichte…

Ich schnippte meine Kippe in Richtung des Festzelts und dachte an die vor mir liegenden allzu vertrauten 700 KM, die mich von meinem neuem ‚Home Sweet Home‘ trennten.
Und dieses Mal würde es kein Pendeln mehr geben, keine Rückkehr in die Pfalz, keine RICHARD HEAD BAND.
Ich war raus.
Berlin wartete.
„Pass auf, dass dich die big city nicht frisst“, meinte Keith.
Ich lachte auf. „Warum sollte Berlin mich fressen? Berlin liebt mich und ich liebe Berlin. Alles wird gut.“
Fehlte nur noch die passende Band.
Aber die würde ich schon noch finden.
Oder sie mich.
Wir drückten uns kurz, dann klemmte ich mich hinters Steuer des Golf, schob ‚Turbo‘ von Judas Priest in den CD-Player und machte mich auf den langen Weg nach Hause, wobei mir eine Textzeile von David Coverdale durch den Kopf schoss: „I don’t know where I’m going, but I sure know where I’ve been…“

22.07.1990 - DDR Grenze Helmstedt

(Grenzübergang Helmstedt, 29. Juli 1990)

Nachtrag: Es ist mir leider nicht gelungen, irgendwelche Pix der damaligen RICHARD HEAD BAND-Besetzung aufzutreiben. Keine Ahnung, vielleicht gibt’s auch gar keine. Alles, was ich noch aus der Zeit habe ist das Band-Shirt (siehe Fotos).
Ist vielleicht auch besser so…

Nachtrag 2: „By the way, which one’s Pink?“

Ihr fragt Euch jetzt sicher, wer eigentlich dieser ominöse Richard Head war, nach dem Charly die  Band benannt hatte…

26.06.2013 12-13-10

Tja, es gab keinen Mr. Richard Head. Der Bandname war ein kleines schweinisches Wortspiel, das man nur verstand, wenn man wusste, wie die Kurzform von ‚Richard‘ lautete.
Na, klingelt’s?
Nein?
Okay, dann bitte hier entlang!

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard 🙂

Nachtrag 3: Eben beim Aufräumen entdeckt. Die Setlist der Head Band von 1990.
Ohne Worte…

Setlist Richard Head Band