(03) The Rise And Fall Of Eggmen Five [Pt. 1: Hard Boiled]

Standin‘ at the station
So cute and clean
Good for the frontpage
Of a magazine

(EGGMEN FIVE: Will They Ever Love)

EM5 - Hard Boiled EP 1

Oktober 1990:

Ich hatte die Schnauze voll.
Und zwar gestrichen.
Seit knapp drei Monaten verschwendete ich jetzt meine Zeit damit, mich jeden zweiten Tag mit irgendwelchen Dilletantis zu treffen, die mich im Vorfeld am Telefon zulaberten, wie geil ihre Band doch sei und dass sie wie eine Mischung aus The Cult und Metallica klingen würden und kurz davor stünden, eine Platte aufzunehmen, ganz zu schweigen davon, dass tausend Gigs im In- und Ausland anstehen würden etc. etc.
Und als was entpuppte sich das Ganze dann?
Ihr ahnt es: Nichts weiter als heiße Luft…

Ich musste mir dringend eine neue Taktik zurechtlegen, denn so war die Suche nach ‚meiner‘ Band reine Zeitverschwendung (wenn auch mit dem positiven Nebeneffekt, dass ich ziemlich schnell lernte, wie  man am Besten mit dem Auto von W’dorf  nach Neukölln, Lankwitz, Lichtenrade oder Ch’burg kam).
Ich beschloss deshalb, mich nicht mehr sofort mit den ganzen Dünnbrettbohrern und Blendern aus der ‚zweiten Hand‘ zu treffen, sondern mir erst ein Tape schicken zu lassen. Und wenn’s nur eine Proberaumaufnahme war.
Der erste Anruf, den ich mit der neuen Taktik tätigte, betraf eine Anzeige, in der eine Bassersuchende Band ihre Einflüsse mit The Cult, Black Flag, Hüsker Dü, Ramones und The Godfathers beschrieb. Klang gut. Wie so vieles, was ich in den letzten Monaten an Inseraten gelesen und das sich dann als komplette Amateur-Grütze herausgestellt hatte…
Die Jungs hatten eine Telefonnummer angegeben, die ich sofort anrief und dann einen Typ namens John, den Sänger, an der Strippe hatte. Er erzählte mir ein wenig von seiner alten Band, The Hudsons, und dass er und ein paar Kumpels, die sich alle schon aus anderen Bands kannten, jetzt eine neue Band gegründet hätten, die sich Eggmen Five nannte.
Eggmen Five?
Was war das denn für ein bekloppter Name?
Ich konnte schon förmlich den Spott anderer Musiker hören: „Kieka! Die Eiermänner!“
Ich war schon kurz davor, mich alleine aufgrund des Namens wieder zu verabschieden, aber dann meinte John, am Besten wäre es, er würde mir ihr Demotape schicken und dann könnten wir ja nochmal telefonieren.
Guter Plan. Hätte von mir sein können.

Am nächsten Tag lag das Tape im Briefkasten. Ich hatte nicht allzuviele Erwartungen, als ich es in den Player schob, was dann aber aus den Boxen meiner Anlage dröhnte, ließ meine Gesichtszüge entgleisen. Anstatt eines Intros seltsame Stimmen:
„What do you want, Sucker?“
„Excuse me, excuse me. Is this the hottie Party?“
Und dann: voll auf die Zwölf!
Ein fettes, fieses, düsteres F#-Moll-Riff, das auch der Bass mitspielte. Dann der Gesang von John. Tief, gurrend, super englische Aussprache (was mir als sozusagen ’native Pfälzer American‘ extrem wichtig war!).
Rotzig, räudig, rockte!
Dann der Chorus: Super melodisch, ging sofort ins Ohr.

Ich schnappte mir angefixt die Hülle des Tapes. Nur die Songtitel und die Kontaktadresse, kein Foto, keine Credits:

1. WILL THEY EVER LOVE
2. GIRLS BRIGADE
3. SURF CITY BABY
4. KISS THE DIRT

Ich spulte zum nächsten Song vor. Konnte er das Level des Ersten halten?
Konnte er. Treibend, rockig, poppig. Und ein Hammer-Chorus inklusive mehrstimmigem Gesang.
Auch der dritte Song, SURF CITY BABY, war ein absoluter Hit. Dreckig, leichte Punk-Schlagseite und ein Pop-Chorus wie gemacht für’s Stadion. Und auch dieses Mal mehrstimmiger, fetter Satzgesang.
Dann als Abschluss KISS THE DIRT, der absolute Knaller! Noch fieser, bratziger, fetter, F#-molliger als WILL THEY EVER LOVE. Und wieder ein Chorus, der sich direkt ins Hirn fräste…

Ich war geplättet, geflasht, begeistert. Die Songs waren super klasse und der Sound des Demos beeindruckend fett und professionell. Kein Vergleich zu den ganzen Proberaum-Tapes, die ich bisher zu hören bekommen hatte. Wie ich später erfuhr, wurde das Demo wirklich in einem professionellen Tonstudio aufgenommen, und zwar im legendären ‚Beat Studio‘ von Gerd Bluhm in Ch’burg. Für umme. Weil: Johns Ex-Band The Hudsons hatte ein Jahr zuvor am Berliner Senatsrockwettbewerb teilgenommen und einen 3-tägigen Studioaufenthalt in ebenjenem ‚Beat Studio‘ gewonnen. Da sich The Hudsons aber zeitgleich mit dem Gewinn des Studioaufenthalts aufgelöst hatten, nahm John eben mit seiner neuen Band Eggmen Five in den Studios auf.

Nach dem Demo war mir klar, dass der Drops gelutscht war, dass meine Suche nach der passenden Band ein Ende hatte. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie die Jungs aussahen (wichtig!) oder drauf waren (genauso wichtig!), war ich mir sicher, dass das meine Band war! Ich hatte sie endlich gefunden! Letztlich war es mir nach dem Hören des Demos auch scheißegal, wie die Jungs aussahen oder drauf waren, weil: Alles was zählte, waren die Songs. Und die waren geil! Meine eigenen Songs würden sich nahtlos einfügen, dessen war ich mir sicher. Dass die Jungs mich als Basser ablehnen würden, kam mir nicht in den Sinn. Diese Band hatte nur auf mich gewartet und ich auf sie! 🙂

Ich rief John zurück und ließ ihn wissen, dass ich dabei sein würde und wir machten für den nächsten Tag, dem 21.10., einem Sonntag, einen Termin mit allen bei ihm zu Hause in der Gierkezeile in Ch’burg aus. Als er mir bei dem Treffen dann seinen Nachnamen nannte (Panama), meinte ich: „Wow! Cooler Künstlername!“
John meinte trocken, das sei sein echter Name. Sein Vater war Engländer und hieß wirklich  Panama! 🙂
Bis auf seine kurzen Haare war mir John sofort super sympathisch. Geborener Berliner. Lachte viel, quatschte viel, hatte zu allem was zu sagen und eine Meinung. Und das für mich Wichtigste: Er wollte sich laut eigenen Angaben, die Haare wachsen lassen!
Besser war das. Denn bis auf Marcus, den Gitarristen (auch geborener Berliner), der längere Haare und irgendwie einen indianischen Einschlag hatte, sah nämlich keiner der Jungs wie ein kommender Rockstar aus. John und Marcus kannten sich seit ihrer Kindheit und waren beste Freunde, Hannes, der Leadgitarrist, stammte aus Osnabrück (und hatte ein dunkles Geheimnis, von dem wir allerdings erst einige Jahre später auf Tour erfahren sollten) und der Drummer Tom war ehemaliges Mitglied der Leipziger Dark-Wave-Band DIE ART. Bis auf Tom waren alle irgendwie total offen, lustig und kommunikativ und schienen super angenehme Zeitgenossen zu sein. Nur Tom (den wir später bandintern ironisch ‚Schwätzer‘ tauften, da er sehr selten bis gar nicht redete) schien irgendwie, äh, anders zu sein. Sowohl von seiner musikalischen Prägung her, als auch von seinem doch recht introvertierten und nachdenklichem Charakter.
Aber das alles spielte zu dem Zeitpunkt keine Rolle. Die Hauptsache war: Eggmen Five waren nach dem Ausstieg ihres alten Bassers wieder komplett. Und ich hatte endlich ‚meine‘ Band gefunden!
John und Marcus beschlossen bei unserem ersten Treffen spontan, gleich ein paar Fotos mit dem neuen Basser zu machen. Super professionell natürlich… 🙂

EM5 - 1. Fotosession 1991 3

(Hannes, Marcus, John, der Autor, Tom)

EM5 - 1. Fotosession 1991 2

EM5 - 1. Fotosession 1991 - 2 1

Die erste Probe fand dann ein paar Tage später statt. War okay irgendwie, aber nicht wirklich der Knaller. Tom, der Drummer, hatte – wie erwartet – irgendwie keinen, tja, Wumms, wie ich ihn von einem ‚richtigen Rockdrummer‘ in der Tradition von John Bonham oder Cozy Powell (wie z.B. Roland Görgen oder Ian Finlay aus meiner alten Heimat) gewöhnt war. Tom war einfach nur, äh, hektisch. Wurde schneller (meistens), langsamer (seltener) und war alles in allem der Schwachpunkt der Band und stand deshalb ganz oben auf meiner Streichliste.
Aber man sollte als ‚Neuer‘ ja nicht gleich auf die Kacke hauen, deswegen hielt ich mich mit negativen Kommentaren bezüglich unseres Drummers erstmal zurück.
Mit der Betonung auf ‚erstmal’…

Was an der Band aber richtig geil war: Hannes, Marcus und ich waren Möchtegern-Frontmänner, die aber leider (zum Glück!) nicht das Zeug hatten, echte Frontmänner zu sein, dafür aber super Backgroundsänger abgaben. Und so kam es, dass wir jeden Chorus zu viert (inkl. John) mitsangen. Einer doppelte Johns Stimme, die anderen übernahmen die 2. und 3. Stimme. Klang fett beatlesmäßig und wurde später eins unserer Markenzeichen. Neben den langen Haaren, unseren Power-Pop-Songs und dem (zweifelhaften) Image, die ’netteste Band Berlins‘ zu sein.

Doch dazu später mehr. Erstmal waren nämlich Proben angesagt. Drei mal pro Woche. Mindestens. Weil: Die ersten Gigs mit mir als neuem Basser waren bereits gebucht. Und zwar für den 15.11. in Treptow auf der INSEL DER JUGEND und für den 17.11. in der SPIRALE in Mitte. Die beiden Gigs Anfang November im PIKE und QUASIMODO würden die Jungs noch mit ihrem Aushilfs-Basser Christopher Blenkinsop spielen. Proben waren aber kein Problem, da wir alle keine 9-to-5-Jobs hatten und mehr oder weniger nur teilzeitjobbten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt knapp 8 eigene Songs, schafften es aber bei jeder Probe mindestens an einer neuen Song-Idee zu arbeiten und diese auszuarbeiten, sodass wir bei meinem ersten Gig an die 12 eigenen Songs spielen konnten und als Zugabe (falls gewünscht) diverse Covers in der Tasche hatten: Jean Genie von David Bowie, Blitzkrieg Bop von den Ramones, Birth, School, Work, Death von The Godfathers und auf meinen besonderen Wunsch hin Fight for your right to party von den Beastie Boys.
War klar irgendwie, oder? 😀

EM5 - Hard Boiled EP 2

Nachtrag: Das Demo, das mich so überzeugt hatte, wurde kurz darauf als Single veröffentlicht und HARD BOILED-EP genannt. Leider war keine Zeit mehr, die Bassspuren neu einzuspielen, weshalb ich auf der EP nur meine Fresse auf dem Backcover hinhalten durfte, aber  musikalisch leider noch nichts beitragen konnte 🙂
Die Frau auf dem Cover ist übrigens Edith Massey aus dem John Waters-Film ‚Pink Flamingos‚. Sie sitzt auf ihrem Bett, schält Eier und wartet auf den ‚Eggman’…
Tja, was soll ich sagen? Nicht so wirklich my cup of tea, aber als ‚Neuer‘ sollte man, wie bereits erwähnt, erstmal die Fresse halten 🙂