Über aleister928

Geboren 1965 in der Pfalz, wo er heute wieder lebt. Studium der Germanistik und Politik- wissenschaften, in der Wendezeit Umzug nach Berlin. Rockmusiker. Schreibt seit 1998 höchst erfolgreich Drehbücher für Fernsehkrimis, aktuell Soko Köln und Soko Stuttgart (ZDF). HELLTAL ist sein Debütroman.

(03) The Rise And Fall Of Eggmen Five [Pt. 1: Hard Boiled]

Standin‘ at the station
So cute and clean
Good for the frontpage
Of a magazine

(EGGMEN FIVE: Will They Ever Love)

EM5 - Hard Boiled EP 1

Oktober 1990:

Ich hatte die Schnauze voll.
Und zwar gestrichen.
Seit knapp drei Monaten verschwendete ich jetzt meine Zeit damit, mich jeden zweiten Tag mit irgendwelchen Dilletantis zu treffen, die mich im Vorfeld am Telefon zulaberten, wie geil ihre Band doch sei und dass sie wie eine Mischung aus The Cult und Metallica klingen würden und kurz davor stünden, eine Platte aufzunehmen, ganz zu schweigen davon, dass tausend Gigs im In- und Ausland anstehen würden etc. etc.
Und als was entpuppte sich das Ganze dann?
Ihr ahnt es: Nichts weiter als heiße Luft…

Ich musste mir dringend eine neue Taktik zurechtlegen, denn so war die Suche nach ‚meiner‘ Band reine Zeitverschwendung (wenn auch mit dem positiven Nebeneffekt, dass ich ziemlich schnell lernte, wie  man am Besten mit dem Auto von W’dorf  nach Neukölln, Lankwitz, Lichtenrade oder Ch’burg kam).
Ich beschloss deshalb, mich nicht mehr sofort mit den ganzen Dünnbrettbohrern und Blendern aus der ‚zweiten Hand‘ zu treffen, sondern mir erst ein Tape schicken zu lassen. Und wenn’s nur eine Proberaumaufnahme war.
Der erste Anruf, den ich mit der neuen Taktik tätigte, betraf eine Anzeige, in der eine Bassersuchende Band ihre Einflüsse mit The Cult, Black Flag, Hüsker Dü, Ramones und The Godfathers beschrieb. Klang gut. Wie so vieles, was ich in den letzten Monaten an Inseraten gelesen und das sich dann als komplette Amateur-Grütze herausgestellt hatte…
Die Jungs hatten eine Telefonnummer angegeben, die ich sofort anrief und dann einen Typ namens John, den Sänger, an der Strippe hatte. Er erzählte mir ein wenig von seiner alten Band, The Hudsons, und dass er und ein paar Kumpels, die sich alle schon aus anderen Bands kannten, jetzt eine neue Band gegründet hätten, die sich Eggmen Five nannte.
Eggmen Five?
Was war das denn für ein bekloppter Name?
Ich konnte schon förmlich den Spott anderer Musiker hören: „Kieka! Die Eiermänner!“
Ich war schon kurz davor, mich alleine aufgrund des Namens wieder zu verabschieden, aber dann meinte John, am Besten wäre es, er würde mir ihr Demotape schicken und dann könnten wir ja nochmal telefonieren.
Guter Plan. Hätte von mir sein können.

Am nächsten Tag lag das Tape im Briefkasten. Ich hatte nicht allzuviele Erwartungen, als ich es in den Player schob, was dann aber aus den Boxen meiner Anlage dröhnte, ließ meine Gesichtszüge entgleisen. Anstatt eines Intros seltsame Stimmen:
„What do you want, Sucker?“
„Excuse me, excuse me. Is this the hottie Party?“
Und dann: voll auf die Zwölf!
Ein fettes, fieses, düsteres F#-Moll-Riff, das auch der Bass mitspielte. Dann der Gesang von John. Tief, gurrend, super englische Aussprache (was mir als sozusagen ’native Pfälzer American‘ extrem wichtig war!).
Rotzig, räudig, rockte!
Dann der Chorus: Super melodisch, ging sofort ins Ohr.

Ich schnappte mir angefixt die Hülle des Tapes. Nur die Songtitel und die Kontaktadresse, kein Foto, keine Credits:

1. WILL THEY EVER LOVE
2. GIRLS BRIGADE
3. SURF CITY BABY
4. KISS THE DIRT

Ich spulte zum nächsten Song vor. Konnte er das Level des Ersten halten?
Konnte er. Treibend, rockig, poppig. Und ein Hammer-Chorus inklusive mehrstimmigem Gesang.
Auch der dritte Song, SURF CITY BABY, war ein absoluter Hit. Dreckig, leichte Punk-Schlagseite und ein Pop-Chorus wie gemacht für’s Stadion. Und auch dieses Mal mehrstimmiger, fetter Satzgesang.
Dann als Abschluss KISS THE DIRT, der absolute Knaller! Noch fieser, bratziger, fetter, F#-molliger als WILL THEY EVER LOVE. Und wieder ein Chorus, der sich direkt ins Hirn fräste…

Ich war geplättet, geflasht, begeistert. Die Songs waren super klasse und der Sound des Demos beeindruckend fett und professionell. Kein Vergleich zu den ganzen Proberaum-Tapes, die ich bisher zu hören bekommen hatte. Wie ich später erfuhr, wurde das Demo wirklich in einem professionellen Tonstudio aufgenommen, und zwar im legendären ‚Beat Studio‘ von Gerd Bluhm in Ch’burg. Für umme. Weil: Johns Ex-Band The Hudsons hatte ein Jahr zuvor am Berliner Senatsrockwettbewerb teilgenommen und einen 3-tägigen Studioaufenthalt in ebenjenem ‚Beat Studio‘ gewonnen. Da sich The Hudsons aber zeitgleich mit dem Gewinn des Studioaufenthalts aufgelöst hatten, nahm John eben mit seiner neuen Band Eggmen Five in den Studios auf.

Nach dem Demo war mir klar, dass der Drops gelutscht war, dass meine Suche nach der passenden Band ein Ende hatte. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie die Jungs aussahen (wichtig!) oder drauf waren (genauso wichtig!), war ich mir sicher, dass das meine Band war! Ich hatte sie endlich gefunden! Letztlich war es mir nach dem Hören des Demos auch scheißegal, wie die Jungs aussahen oder drauf waren, weil: Alles was zählte, waren die Songs. Und die waren geil! Meine eigenen Songs würden sich nahtlos einfügen, dessen war ich mir sicher. Dass die Jungs mich als Basser ablehnen würden, kam mir nicht in den Sinn. Diese Band hatte nur auf mich gewartet und ich auf sie! 🙂

Ich rief John zurück und ließ ihn wissen, dass ich dabei sein würde und wir machten für den nächsten Tag, dem 21.10., einem Sonntag, einen Termin mit allen bei ihm zu Hause in der Gierkezeile in Ch’burg aus. Als er mir bei dem Treffen dann seinen Nachnamen nannte (Panama), meinte ich: „Wow! Cooler Künstlername!“
John meinte trocken, das sei sein echter Name. Sein Vater war Engländer und hieß wirklich  Panama! 🙂
Bis auf seine kurzen Haare war mir John sofort super sympathisch. Geborener Berliner. Lachte viel, quatschte viel, hatte zu allem was zu sagen und eine Meinung. Und das für mich Wichtigste: Er wollte sich laut eigenen Angaben, die Haare wachsen lassen!
Besser war das. Denn bis auf Marcus, den Gitarristen (auch geborener Berliner), der längere Haare und irgendwie einen indianischen Einschlag hatte, sah nämlich keiner der Jungs wie ein kommender Rockstar aus. John und Marcus kannten sich seit ihrer Kindheit und waren beste Freunde, Hannes, der Leadgitarrist, stammte aus Osnabrück (und hatte ein dunkles Geheimnis, von dem wir allerdings erst einige Jahre später auf Tour erfahren sollten) und der Drummer Tom war ehemaliges Mitglied der Leipziger Dark-Wave-Band DIE ART. Bis auf Tom waren alle irgendwie total offen, lustig und kommunikativ und schienen super angenehme Zeitgenossen zu sein. Nur Tom (den wir später bandintern ironisch ‚Schwätzer‘ tauften, da er sehr selten bis gar nicht redete) schien irgendwie, äh, anders zu sein. Sowohl von seiner musikalischen Prägung her, als auch von seinem doch recht introvertierten und nachdenklichem Charakter.
Aber das alles spielte zu dem Zeitpunkt keine Rolle. Die Hauptsache war: Eggmen Five waren nach dem Ausstieg ihres alten Bassers wieder komplett. Und ich hatte endlich ‚meine‘ Band gefunden!
John und Marcus beschlossen bei unserem ersten Treffen spontan, gleich ein paar Fotos mit dem neuen Basser zu machen. Super professionell natürlich… 🙂

EM5 - 1. Fotosession 1991 3

(Hannes, Marcus, John, der Autor, Tom)

EM5 - 1. Fotosession 1991 2

EM5 - 1. Fotosession 1991 - 2 1

Die erste Probe fand dann ein paar Tage später statt. War okay irgendwie, aber nicht wirklich der Knaller. Tom, der Drummer, hatte – wie erwartet – irgendwie keinen, tja, Wumms, wie ich ihn von einem ‚richtigen Rockdrummer‘ in der Tradition von John Bonham oder Cozy Powell (wie z.B. Roland Görgen oder Ian Finlay aus meiner alten Heimat) gewöhnt war. Tom war einfach nur, äh, hektisch. Wurde schneller (meistens), langsamer (seltener) und war alles in allem der Schwachpunkt der Band und stand deshalb ganz oben auf meiner Streichliste.
Aber man sollte als ‚Neuer‘ ja nicht gleich auf die Kacke hauen, deswegen hielt ich mich mit negativen Kommentaren bezüglich unseres Drummers erstmal zurück.
Mit der Betonung auf ‚erstmal’…

Was an der Band aber richtig geil war: Hannes, Marcus und ich waren Möchtegern-Frontmänner, die aber leider (zum Glück!) nicht das Zeug hatten, echte Frontmänner zu sein, dafür aber super Backgroundsänger abgaben. Und so kam es, dass wir jeden Chorus zu viert (inkl. John) mitsangen. Einer doppelte Johns Stimme, die anderen übernahmen die 2. und 3. Stimme. Klang fett beatlesmäßig und wurde später eins unserer Markenzeichen. Neben den langen Haaren, unseren Power-Pop-Songs und dem (zweifelhaften) Image, die ’netteste Band Berlins‘ zu sein.

Doch dazu später mehr. Erstmal waren nämlich Proben angesagt. Drei mal pro Woche. Mindestens. Weil: Die ersten Gigs mit mir als neuem Basser waren bereits gebucht. Und zwar für den 15.11. in Treptow auf der INSEL DER JUGEND und für den 17.11. in der SPIRALE in Mitte. Die beiden Gigs Anfang November im PIKE und QUASIMODO würden die Jungs noch mit ihrem Aushilfs-Basser Christopher Blenkinsop spielen. Proben waren aber kein Problem, da wir alle keine 9-to-5-Jobs hatten und mehr oder weniger nur teilzeitjobbten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt knapp 8 eigene Songs, schafften es aber bei jeder Probe mindestens an einer neuen Song-Idee zu arbeiten und diese auszuarbeiten, sodass wir bei meinem ersten Gig an die 12 eigenen Songs spielen konnten und als Zugabe (falls gewünscht) diverse Covers in der Tasche hatten: Jean Genie von David Bowie, Blitzkrieg Bop von den Ramones, Birth, School, Work, Death von The Godfathers und auf meinen besonderen Wunsch hin Fight for your right to party von den Beastie Boys.
War klar irgendwie, oder? 😀

EM5 - Hard Boiled EP 2

Nachtrag: Das Demo, das mich so überzeugt hatte, wurde kurz darauf als Single veröffentlicht und HARD BOILED-EP genannt. Leider war keine Zeit mehr, die Bassspuren neu einzuspielen, weshalb ich auf der EP nur meine Fresse auf dem Backcover hinhalten durfte, aber  musikalisch leider noch nichts beitragen konnte 🙂
Die Frau auf dem Cover ist übrigens Edith Massey aus dem John Waters-Film ‚Pink Flamingos‚. Sie sitzt auf ihrem Bett, schält Eier und wartet auf den ‚Eggman’…
Tja, was soll ich sagen? Nicht so wirklich my cup of tea, aber als ‚Neuer‘ sollte man, wie bereits erwähnt, erstmal die Fresse halten 🙂

(02) Smash n‘ Grab

You Make The Right Moves 
I Beg To Differ
Rather Be A Fool And See Things Clearer
You Found A Quick Way To Fill Your Pocket
That’s The Way In A World That’s Lost It

To Fall In Line
It’s Meaningless
Mindlessness
I Beg To Differ

(Prong: Beg To Differ – Beg To Differ 1990)

1990

Sonntag, 26. August 1990:

Während der Großteil der Berliner in meinem Alter diesen wundervollen Sommerabend in Biergärten, Cafés mit Außensitzplätzen und Parks ausklingen ließ, war ich auf der Suche nach einem Parkplatz in der Nähe des Ecstasy in der Hauptstr. 30 in Schöneberg. Weil: Ich war um 21 Uhr dort anlässlich des DEPP JONES-Gigs mit Jan Lankwitz und Alice Sandford (Gitarrist und Sängerin) verabredet, die für ihre angedachte Band SMASH N‘ GRAB ’nen Basser suchten.
Musikrichtung: Rock. Hard.
Genau mein cup of tea! 😀

Ich lebte jetzt seit knapp einen Monat ‚fest‘ in Berlin und verbrachte zu 90 % meine  Zeit damit, die ‚Zweite Hand‘ – ein Berliner Anzeigenmagazin, das zweimal wöchentlich erschien und in dem man nicht nur Möbel, Autos und Technikkram zum Verkauf anbieten konnte, sondern auch Musiker finden konnte -, auf für mich in Frage kommende Bands abzuchecken. Ohne ‚Die zweite Hand‘ wäre ich in Berlin wohl komplett aufgeschmissen gewesen, auch wenn meine Suche bis jetzt ziemlich, tja, frustrierend gewesen war. Von Wanna-be-Faith-No-More-Dilletantis über Pseudo-Hardcore-Punk-Amateure bis hin zu irgendwelchen so halb gut tätowierten Poserbands, die Mötley Crüe nacheiferten, aber es nicht mal schafften, länger als eine halbe Strophe – wenn überhaupt – im Takt zu bleiben und deren eigene Songs sich anhörten, als habe sie ein 10-Jähriger Autist komponiert, war alles dabei gewesen.
Dennoch war ich mir immer noch sicher, dass die Chancen, hier in Berlin eine passende Band zu finden, ungleich höher als in meiner alten Heimat waren, da der überwiegende Großteil der Rockbands eigene Songs spielte. Coverbands waren in der bis vor kurzem noch geteilten Stadt – außer im Unterhaltungs und Tanzbandbereich – glücklicherweise nicht wirklich angesagt.

Die Anzeige von Jan und Alice klang sehr vielversprechend, weshalb ich beschloss, mich mit den beiden zu treffen. Das Ecstasy kannte ich bis jetzt nur vom Hörensagen. Eine Rock-Disco in Schöneberg an der Grenze zu Steglitz über zwei Etagen. Inklusive einer Auftrittsmöglichkeit für Bands. Jan hatte mich am Telefon ein bisschen bezüglich Depp Jones schlau gemacht: Neue Band von Bela B, Ex-Drummer der Ärzte. Nicht zu vergleichen mit den Ärzten. Richtig guter, harter Rock. Mit Beckmann, Ex-RAINBIRDS, am Bass und Rodrigo Gonzales an der Gitarre. Die Rainbirds sagten mir was, dieser Rodrigo Gonzales eher weniger. Ebensowenig wie die Vorband, STONE, COLD & CRAZY.

Es war inzwischen kurz vor 21 Uhr und ich fuhr das dritte Mal ums Karree: Hauptstraße. Eisenacherstraße. Belzigerstraße. Akazienstraße. Und zurück auf die Hauptstraße.
Aber: Nüschte. Nix. Nada. Kein Parkplatz weit und breit.
Was vermutlich nicht unwesentlich mit der Tatsache zusammenhing, dass das Viertel nordöstlich des Innsbrucker Platzes zwischen o.g. Straßen mehr oder weniger ein reines Wohnviertel war und diejenigen Anwohner, die nach der Arbeit einen Parkplatz in fußläufiger Nähe ihrer Butzen ergattert hatten, diesen freiwillig auch nicht mehr hergaben. Meine alteingesessenen Berliner Neu-Bekannten hatten mich hinreichend gewarnt: „Vergiss es!“ – „Lass das Auto stehen, nimm die Öffentlichen!“ – „Findest eh nirgendwo einen Parkplatz!“ – „Bei den ganzen Staus biste schneller mit der U-Bahn!“ – „In Berlin braucht man kein Auto!“ etc. etc.
Zwischen den Zeilen konnte ich ihren gut gemeinten Ratschlägen entnehmen, dass es vor dem Mauerfall durchaus möglich gewesen sein musste, ab und an einen Parkplatz zu ergattern. Und an ausgewählten Tagen und zu ausgewählten Uhrzeiten sogar staulos mit dem Auto von Ch’burg nach X-Berg oder Steglitz zu kommen. Ich bezweifelte das. Zumal der Großteil meiner alteingesessenen Berliner Neu-Bekannten keinen Führerschein besaß und damit auch keinerlei Erfahrungen mit dem Autofahren in Berlin nachweisen konnte.

Kein Führerschein? Kein Auto?
In meiner alten Heimat der Pfalz undenkbar. Versucht da mal mit den ‚Öffentlichen‘ von einem Kaff wie Sembach, Trippstadt oder Bann an einem Samstagabend zu einem Konzert in Pirmasens, Homburg oder Zweibrücken zu kommen. Und zurück. Weit nach Mitternacht!
Keine Chance. In der Pfalz brauchte man einfach ein Auto, es war quasi überlebenswichtig. Und ich hatte beschlossen, auch in Berlin eins zu brauchen. Von Anfang an hatte ich die Stadt mit meinem versifften Golf II, Baujahr ’85, und dem zerknitterten Falkplan auf dem Beifahrersitz, bezwungen. Wäre ich genötigt gewesen – z.B. aufgrund eines länger andauernden Werkstattaufenthalts des Golfs -, auf U-Bahn oder Busse umzusteigen, ich wäre komplett verloren gewesen. Ich kannte nur die Wege die auf dem Falkplan verzeichnet waren, nicht die unter der Stadt.
Trotz der vielen Staus und des Verkehrs fand ich Autofahren in Berlin viel entspannter als in der Pfalz, wo es einfach zu viele unberechenbare Vollkatheter aus irgendwelchen inzestuösen Käffern der Umgebung gab. Natürlich gab es in Berlin auch einige – ziemliche viele! – Vollkatheter am Steuer, aber es fehlte irgendwie der, tja, inzestuöse Aspekt.

Irgendwann fand ich eine Parke, direkt um die Ecke in der Eisenacher. Es war kurz nach 21 Uhr. Vor dem Rundbogeneingang des Ecstasy hatte sich schon eine beachtliche Menschenmenge gebildet. Die neue Band eines Ex-Arztes wollte sich hier offensichtlich niemand entgehen lassen.
Ich drängte mich an den ganzen Bandshirt-Trägern, darunter einige Mädels in, tja, DIE ÄRZTE-Shirts, vorbei, zahlte meinen Eintritt und betrat das Ecstacy. Ich brauchte eine Zeit, um mich zu orientieren, denn der Laden war riesig. Eine Treppe führte nach oben, geradeaus ging es in die Disco, links zwei geöffnete Schwingtüren, durch die langhaarige Rocker ein und ausgingen.
Dürfte klar sein, wohin ich mich wandte…
Und lag richtig damit: Eine Bühne. Ein Drumkit. Gitarren. Bass. Mikroständer. Der Schriftzug von Stone, Cold & Crazy hinter den Drums.

Ich hielt nach Jan Ausschau. Laut Selbstbeschreibung hatte er schulterlange schwarze Haare, trug eine Lederjacke, Lederhosen und Cowboyboots.
Problem: Hier trug jeder zweite eine Lederjacke, hatte schwarze längere Haare und an den Füßen Cowboystiefel…
Bevor ich dazu kam, mich intensiver mit dieser doch recht irritierenden Situation auseinanderzusetzen, tippte mir jemand auf die Schulter.
„Matze?“
Ich drehte mich um. Ein Typ in – Überraschung! – Lederhosen, Cowboyboots und mit Lederjacke.
„So sieht’s aus“, erwiderte ich – wie ich hoffte – so halbwegs cool.
„Jan. Hi.“
Wir schüttelten ausgiebig Hände, waren uns sofort sympathisch. Er meinte, er habe mich an meiner fadenscheinigen, ehemals blauen aber inzwischen doch recht ausgeblichenen Jeansjacke, den langen, in hennarot gefärbten Haaren, meinen Adidas-Tretern und dem THE CULT-Shirt erkannt.
Hatte ich diese ganzen Details echt am Telefon erwähnt? Konnte mich nicht wirklich dran erinnern, schien aber Fakt zu sein.

Wir grinsten uns eins, dann stellte er mir seine Freundin Alice vor. Wenn ich damals schon die Berliner Band SKEW SISKIN gekannt hätte, hätte ich wahrscheinlich gedacht, Alice sei ein Klon von Nina, der Sängerin von Skew Siskin, und wäre nicht ganz so unvoreingenommen gewesen, wie ich es bei unserem ersten Treffen gewesen war. Jahre später kam heraus, dass Alice die kleine Schwester von DAVID SYLVIAN war. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich sie wahrscheinlich um ein Autogramm ihres Bruders gebeten.
Na ja, oder auch nicht…

Bevor wir dazu kamen, uns ausgiebiger über Smash ’n Grab, das angedachte Projekt der beiden zu unterhalten, ballerten uns Stone, Cold & Crazy das Hirn weg. Jan klärte mich auf, dass die beiden – ziemlich geilen – Gitarristen Rubbel und Gary hießen und der Sänger, der so perfekt die Gestik und Mimik eines Mike Patton draufhatte, Nopper. War mal früher Roadie bei den Ärzten gewesen.
Dass Rubbel (aka Robert Oberhardt) einige Jahre später der Gitarrist meiner Band EGGMEN FIVE werden und Beckmann und Felsenheimer (aka Bela B.) von Depp Jones Kumpels sein würden, war zu der Zeit natürlich nicht wirklich absehbar…

Gegen 23 Uhr enterten Depp Jones die Bühne. Bela hatte offensichtlich auch sehr akribisch Mike Pattons Bühnengebaren studiert. Die Jungs rockten. Hart und schnell. Mir persönlich fehlten die Melodien und die Songs. Kein Track blieb wirklich hängen, alles ballerte, aber irgendwie rauschte es auch komplett an mir vorbei. Nicht wirklich mein Ding. Ich stand auf Songs zum Mitsingen, Melodien, Refrains die im Ohr kleben blieben. Jan ging es genauso, weshalb wir uns auch irgendwann in den Vorraum verzogen, um zu quatschen. Aber eigentlich war alles gesagt: Wir würden es zusammen versuchen. Jan hatte auch schon eine Fotosession im Studio eines professionellen Fotografen arrangiert, den er noch aus seinen Zeiten als Schauspieler – er spielte in dem Kinofilm ‚Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo‚, damals noch unter seinem realen Namen Jan Georg Effler, die Rolle eines Junkies – kannte. Als Fake-Drummer für die Fotosession hatte er ‚Steve The Machine‘, laut seinen Worten einer der besten Rock-Drummer Berlins, am Start.
Klang alles super spannend.
Wurde aber leider nichts draus.
Jan und Alice waren einfach nicht mein Ding, wie ich ein paar Wochen und Proben später herausfinden durfte. Weil: Die beiden waren ein Paar, aber keine Band. Selbst mit mir als Basser fehlte immer noch ein fester Drummer, denn ‚Steve The Machine‘ hatte so viele Bands und Projekte am Start, dass er offensichtlich nicht wirklich das Bedürfnis verspürte, fest bei einer Band einzusteigen.
Aber das Hauptproblem war: Die Songs waren alleine Jans Ding. Und er hatte leider keinerlei Interesse an einem weiteren Songwriter. Und das kam nach meiner Richard Head Band-Erfahrung nicht in Frage. Ich wollte eigene Songs schreiben, nicht die Songs anderer Songwriter covern. Ob diese nun John Fogerty, Bryan Adams oder Jan Lankwitz hießen…

Was von Smash n‘ Grab blieb: tolle, professionelle Pix und ein neues Tribal-Tattoo auf dem linken Oberarm bei einem Tätowierer in Moabit, den Alice mir empfohlen hatte. Die Smash ’n Grab-CD ‚Inheritance Of Power‚, die 1992 bei EMI erschien, fand ohne mich statt.

September 1992

Smash 'n Grab(v.l.n.r.: Steve The Machine, Jan, Alice, der Autor)

Nachtrag: Kein halbes Jahr nach dem Depp Jones-Gig in dem Jahr, in dem die UDSSR implodierte und an dem Abend, als die USA in das vom Irak annektierte Kuwait einmarschierten – stand ich zum ersten Mal mit Eggmen Five auf der Bühne des Ecstasy als Vorprogramm der Bellies (= BELLYBUTTON & THE KNOCKWELLS).
Mit den Bellies – Tom, Peter, Ochi, Mike, Gerald, Rolf – verband uns danach über die Jahre eine innige Freundschaft. Die Bellies waren auch die Band, mit der wir aufgrund unseres gemeinsamen Bookers, die meisten Gigs zusammen spielten. Hauptsächlich im Ländle.

Aber dazu demnäx mehr! 🙂

Lektüre August 1990: Hubert Selby – Letzte Ausfahrt Brooklyn / John Irving: Owen Meany

Alben August 1990: Mind Funk / Pantera: Cowboys From Hell / Prong: Beg To Differ / Rush: Presto / Dogs D’Amour: Errol Flynn / D.A.D.: No Fuel Left For The Pilgrims

(01) Gimme Head ‚Til I’m Dead

Tonight tonight
I’m on my way
Just set me free
Home sweet home

(MÖTLEY CRÜE: Home Sweet Home – Theatre Of Pain 1985)

26.06.2013 12-12-56

Samstag, 28. Juli 1990, Festzelt Vogelweh, Kaiserslautern:

Unser letzter Song, ‚Home Sweet Home‚ – den ich wie üblich das Vergnügen hatte, singen zu dürfen -, dröhnte mir noch in den Ohren als ich zusammen mit unserem Gitarristen Keith, der bei einem Jimi Hendrix-Lookalike-Contest mühelos unter die Top 5 gekommen wäre, meinen Golf belud. Ich war skeptisch, ob ich meine Klamotten, den Peavey-Amp, zwei Mikrofonständer, den Charvel-Bass und vor allem die die 4×12 Marschall-Box unterbringen würde, aber Keith meinte nur:
„It will fit. And you know why? Because it has to fit!“
Er hatte Recht, es musste einfach passen, denn meine Bereitschaft, nur wegen einer bescheuerten Bassbox nochmal zurück in die Pfalz zu kommen, hielt sich in engen Grenzen.
Und was soll ich sagen? Es passte.
Wenn auch knapp.

Ich zückte meine Marlboros und bot Keith eine an. Wir rauchten schweigend. Es war weit nach Mitternacht. Ich konnte das Gegröle der > 1000 GIs – größtenteils Männer und größtenteils besoffen – aus dem Festzelt hinter uns hören und war erleichtert, dass ich mich nie wieder mit dieser Art von Publikum rumschlagen musste. Weil: Heute war mein letzter Gig mit der Richard Head Band, nach der Kippe würde ich ein letztes Mal die 700 KM nach Berlin, meinem neuen Zuhause, runterreißen und gegen Morgengrauen ankommen.
Die Pendelei hatte ein Ende, die Zukunft konnte endlich beginnen.

Seit Januar war ich ein Wandler zwischen den Welten gewesen. Auf der einen Seite meine neue Heimat Berlin, auf der anderen ein ziemlich gut bezahlter Job bei der Richard Head Band, der es mir ermöglichten, mich in meiner neuen Stadt voll und ganz auf die Suche nach einer hart rockenden Band mit Potential und eigenen Songs zu konzentrieren.
Problem an der ganzen Sache: Die Head Band residierte in meiner zukünftigen Ex-Heimat, der Pfalz. Aber wie hieß es so schön: Man soll eine Kuh so lange melken, wie sie Milch gibt. Was ich dann auch ausgiebig tat.
Auch wenn sie 700 KM weit weg graste.

200-300 Mark pro Gig waren die Regel. Bei drei Gigs an einem Wochenende und knapp 6 Gigs im Monat verdiente ich für einen 25-Jährigen Ex-Plattenverkäufer ohne abgeschlossene Ausbildung und abgeschlossenes Studium gar nicht mal so schlecht. Und für die Auftritte wie jetzt im Festzelt auf dem amerikanischen Volksfest auf der Vogelweh gab es immer doppelte Gage, obwohl man wie sonst auch die üblichen 5 Sets à 45 Minuten à ca. 12 Songs spielen musste.
Als ich Charly (Keyboards/Gesang/Bandleader/Deutschland), Keith (Gitarre/Gesang/Amerika) und Mo (Drums/kein Gesang/England) letzten Monat mitgeteilt hatte, dass ich Ende Juli, nach den Gigs im Festzelt aussteigen würde, hatten sie mich für komplett unzurechnungsfähig erklärt. Meine Erwiderung hatte meinen zukünftigen Ex-Bandmembers aber jeglichen Wind aus den nicht vorhandenen Segeln genommen:

„Warum leckt ein Hund seinen eigenen Schwanz? Weil er’s kann!“

Und ich konnte.
Also nach einem gefühlt endlosen Zivildienst – 20 fucking Monate!!!! – jetzt endlich die Freiheitskarte ziehen und tun und lassen, was ich wollte. Und was ich wollte war klar:

1. Nach Berlin ziehen: Done.
2. Mit der Head Band Kohle verdienen: Done.
3. In Berlin eine neue Band finden und Rockstar werden: Na ja, noch nicht ganz so done…

Auf jeden Fall hatte ich genug davon, Songs Anderer nachzuspielen. Ich war 25, verdiente seit 1986 meine Kohle mit der Musik und wollte jetzt endlich mit eigenen Sachen loslegen. Hatte genug von Amiclubs, besoffenen, ‚Fucking A!‘ grölenden und lautstark ‚Free Bird!‘ fordernden Militärangehörigen, konnte ‚Sweet Home Alabama‘, ‚Summer of 69‘, ‚Jumpin‘ Jack Flash‘, ‚Proud Mary‘ und dem ganzen Oldie-Rotz nicht mehr hören. Ich stand auf Bands wie Faith No More, Skid Row, Soundgarden, Judas Priest, The Cult, Voivod, Badlands, Prong, Circus Of Power, Kingdom Come, Tesla, D.A.D, Bang Tango, Mr. Big, Dogs D’Amour, Cinderella, Queensryche, Suicidal Tendencies, Pantera…

Aber mit der Head Band ging es nicht darum, sich musikalisch selbstzuverwirklichen, sondern darum, Kohle zu verdienen. In der Zeit von Januar bis Ende Juli hatten wir insgesamt 53 Gigs runtergerissen, verpassten – bis aufs Endspiel – sämtliche Spiele der deutschen Mannschaft bei der WM in Italien, spielten uns in jedem gottverdammten Club auf jeder gottverdammten Ami-Military-Base im Umkreis von 200 – 300 KM um Kaiserslautern den Arsch auf: Gießen, Spangdahlem, Friedberg, Frankfurt, Sembach, Ramstein, Karlsruhe, Neckarsulm, Zweibrücken, Heidelberg, Hahn, Mainz, Heilbronn, Crailsheim, Baumholder…
Natürlich war uns allen bewusst, dass wir musikalische Söldner/Nutten waren. Selbst Charly konnte nicht sagen, die wievielte Inkarnation der Head Band wir gerade verkörperten. Er vermutete Mk XXVII oder so. Die einzige Konstante der Band war Charly, der es über die Jahre geschafft hatte, das Unternehmen Richard Head Band in den Amiclubs der Umgebung langfristig zu etablieren. Nicht zuletzt natürlich aufgrund der Tatsache, dass unser Set überraschenderweise zu 100 % auf ein amerikanisches Militär-Publikum zugeschnitten war…

Da wir alle schon reichlich Erfahrung im Covern und mit Amiclubs hatten – meine erste Band begann als Rockband mit eigenen Songs und endete als abgehalfterte Amiclub-Hure. File Under: 1984 bis 1987 -, verschwendeten wir vor dem 1. Gig unsere Freizeit auch nicht weiter mit langwierigen Proben, weil: wer probt verliert. Wenn wir nicht mehr wussten, wie ein Song weiterging, fing Keith eben an zu shreddern. Ich erinnere mich an einen Gig, bei dem nach dem zweiten Song Charlys Keyboard den Geist aufgab, was natürlich für einen Song wie ‚Jump‚ von Van Halen extrem kontraproduktiv war. Aber wer sprang in die Bresche? Natürlich Evil-Shredding-Keith! Er shredderte fast eine halbe Stunde lang, ein breites Dauergrinsen im Gesicht, während Charly versuchte, sein Keyboard wieder an den Start zu bringen und Mo und ich uns hinter der Bühne eine Flasche Jack Daniel’s reinzogen. Natürlich mit dem festen Vorsatz, uns während dieser unverhofften, aber dennoch willkommenen Pause so schnell wie möglich zu besaufen. Den Whiskey hatte Mo mitgebracht, denn in den Amiclubs gab es pro Bandmitglied nur zwei Freigetränke. Unnötig zu erwähnen, dass man sich um Essen auch selbst kümmern musste.

Ab und an fielen aber ein paar kostenlose Eiswürfel für unseren Whiskey ab.

Irgendwann – meistens weit nach Mitternacht – abbauen, das Equipment in Charlys Hänger laden und nach Hause fahren. Manchmal war auch Mo mit seinem alten Benz am Start, mit mir als Beifahrer. Wir ließen uns mit der Rückfahrt immer Zeit, hielten an irgendeiner Raste, wo sich Mo morgens um 3 seinen geliebten ’strammen Max‘ reinziehen und ich in Ruhe ein paar deutsche Gerstenkaltschalen vernichten konnte. Die schaumlose pisswarme Ami-Plörre in den Clubs, die sie Bier nannten, ging nämlich gar nicht.

Was eigentlich auch gar nicht ging, aber stillschweigend bis grummelnd von mir toleriert wurde – man wurde ja angemessen dafür bezahlt -, war der Umstand, dass ich u.a. ‚Proud Mary‚ von CCR singen ‚durfte‘, da Charly der Meinung war, meine Stimme wäre dafür perfekt. Er und Keith hatte einfach keinen Bock, den Song zu singen, das war der wahre Grund.
Noch heute wache ich manchmal schweißgebadet auf, da ich von den Textzeilen ‚Rolling, rolling, rolling on a river‘ gealbträumt hatte…

Aber ‚Proud Mary‘ hin, schaumlose Ami-Plörre her; eigentlich lebte ich – nach Beendigung meines Zivildienstes, Anfang des Jahres – ein ziemlich cooles Musiker-Lotterleben und hatte dennoch genug Kohle, um mehr recht als schlecht durchzukommen. Dennoch war mir klar, dass ich demnächst die Handbremse ziehen musste, wollte ich nicht im Niemandsland der Clubmusik versumpfen. Denn diese Gefahr bestand, trotz des brandneuen Eintrags in meinem Perso: Fechnerstr. 17, 1000 Berlin 31.
Aber ich durfte mich nicht von der regelmäßigen Kohle der Head Band von meinem Traum abbringen lassen, der da lautete: Rockstar werden! Und zum Rockstar werden brauchte man nun mal eine Band mit eigenen Songs. Leider hatte sich der Großteil der Musiker in und um K-Town aufs Covern verlegt, kaum einer hatte Interesse an eigener Mucke.
Und die, die Interesse hatten, an denen hatte ich kein Interesse.
Man wurde kein Rockstar als Mitglied einer Amiclub-Band in der Pfalz, Punkt.

Obwohl, es gab zwei Ausnahmen: Iain Finlay (Drummer) und Jim Stacey, ein genialer Basser und begnadeter Sänger, beide bei der damals angesagtesten und richtig hart rockenden Clubband namens Breakpoint.
Ich hatte die Jungs einmal live auf dem Ami-Volksfest auf der Vogelweh gesehen und war geplättet. Die zockten Songs von Ozzy, Quiet Riot, Sammy Hagar, Van Halen, Whitesnake, Cinderella und zwar in solch einer Qualität und raw power, dass einem die Schädeldecke hochging. Die Jungs waren für uns und den Rest der Clubbands der absolute Maßstab, aber keiner kam auch nur halbwegs an die Klasse von denen ran.
Ich hatte ein paar Mal das ‚Vergnügen‘, zusammen mit Iain proben zu dürfen und stand danach jedes Mal kurz vor einem Hörsturz. Der Kerl war einfach nur pure Power, Gewalt und, tja, Lautstärke. Quasi John Bonham und Cozy Powell in einem.

1988

Iain mit dem Autor (Autor links, Iain daneben) im Jahr des Herrn 1987. Die beiden anderen sind Mike Johnson (auch ein Urgestein der Pfälzer Amiclub-Szene) und Dee (Sänger meiner ersten Band). Kann mich vage daran erinnern, dass wir vorhatten, irgendein Projekt mit eigenen Songs an den Start zu bringen und auch ein paar Mal geprobt hatten, aber das Ganze sich dann durch Iains Job bei RUNNING WILD, bei denen er 1988 – über welche seltsame Connections auch immer – landete und mit ihnen das Album ‚Death Or Glory‚ aufnahm, ziemlich schnell wieder erledigte.
Und so schnell  wie sich unser geplantes Projekt erledigte, erledigte sich auch Iains Job bei RUNNING WILD: Kurz vor der anstehenden Tour zu ‚Death Or Glory‘ brach er sich den Arm und wurde von Rock’n‘ Rolf vor die Tür gesetzt…

Bei Jim Stacey lief das Ganze ähnlich ab. Er wurde 1989 von ACCEPT angeworben, die gerade Jörg Fischer und Udo Dierkschneider verloren hatten. Stacey wurde aber nicht als Bassist sondern als Rhythmus-Gitarrist verpflichtet (unnötig zu erwähnen, dass der Mann natürlich auch eine amtliche Gitarre spielte!). To cut a long story short: Auf dem ‚Eat The Heat‚-Album wurden alle Klampfen von Wolf Hoffmann eingespielt und Stacey durfte nur live ran. Das Album floppte big time, ebenso wie die Tour, und Stacey war danach bei ACCEPT Geschichte…

Ich schnippte meine Kippe in Richtung des Festzelts und dachte an die vor mir liegenden allzu vertrauten 700 KM, die mich von meinem neuem ‚Home Sweet Home‘ trennten.
Und dieses Mal würde es kein Pendeln mehr geben, keine Rückkehr in die Pfalz, keine RICHARD HEAD BAND.
Ich war raus.
Berlin wartete.
„Pass auf, dass dich die big city nicht frisst“, meinte Keith.
Ich lachte auf. „Warum sollte Berlin mich fressen? Berlin liebt mich und ich liebe Berlin. Alles wird gut.“
Fehlte nur noch die passende Band.
Aber die würde ich schon noch finden.
Oder sie mich.
Wir drückten uns kurz, dann klemmte ich mich hinters Steuer des Golf, schob ‚Turbo‘ von Judas Priest in den CD-Player und machte mich auf den langen Weg nach Hause, wobei mir eine Textzeile von David Coverdale durch den Kopf schoss: „I don’t know where I’m going, but I sure know where I’ve been…“

22.07.1990 - DDR Grenze Helmstedt

(Grenzübergang Helmstedt, 29. Juli 1990)

Nachtrag: Es ist mir leider nicht gelungen, irgendwelche Pix der damaligen RICHARD HEAD BAND-Besetzung aufzutreiben. Keine Ahnung, vielleicht gibt’s auch gar keine. Alles, was ich noch aus der Zeit habe ist das Band-Shirt (siehe Fotos).
Ist vielleicht auch besser so…

Nachtrag 2: „By the way, which one’s Pink?“

Ihr fragt Euch jetzt sicher, wer eigentlich dieser ominöse Richard Head war, nach dem Charly die  Band benannt hatte…

26.06.2013 12-13-10

Tja, es gab keinen Mr. Richard Head. Der Bandname war ein kleines schweinisches Wortspiel, das man nur verstand, wenn man wusste, wie die Kurzform von ‚Richard‘ lautete.
Na, klingelt’s?
Nein?
Okay, dann bitte hier entlang!

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard 🙂

Nachtrag 3: Eben beim Aufräumen entdeckt. Die Setlist der Head Band von 1990.
Ohne Worte…

Setlist Richard Head Band