(02) Smash n‘ Grab

You Make The Right Moves 
I Beg To Differ
Rather Be A Fool And See Things Clearer
You Found A Quick Way To Fill Your Pocket
That’s The Way In A World That’s Lost It

To Fall In Line
It’s Meaningless
Mindlessness
I Beg To Differ

(Prong: Beg To Differ – Beg To Differ 1990)

1990

Sonntag, 26. August 1990:

Während der Großteil der Berliner in meinem Alter diesen wundervollen Sommerabend in Biergärten, Cafés mit Außensitzplätzen und Parks ausklingen ließ, war ich auf der Suche nach einem Parkplatz in der Nähe des Ecstasy in der Hauptstr. 30 in Schöneberg. Weil: Ich war um 21 Uhr dort anlässlich des DEPP JONES-Gigs mit Jan Lankwitz und Alice Sandford (Gitarrist und Sängerin) verabredet, die für ihre angedachte Band SMASH N‘ GRAB ’nen Basser suchten.
Musikrichtung: Rock. Hard.
Genau mein cup of tea! 😀

Ich lebte jetzt seit knapp einen Monat ‚fest‘ in Berlin und verbrachte zu 90 % meine  Zeit damit, die ‚Zweite Hand‘ – ein Berliner Anzeigenmagazin, das zweimal wöchentlich erschien und in dem man nicht nur Möbel, Autos und Technikkram zum Verkauf anbieten konnte, sondern auch Musiker finden konnte -, auf für mich in Frage kommende Bands abzuchecken. Ohne ‚Die zweite Hand‘ wäre ich in Berlin wohl komplett aufgeschmissen gewesen, auch wenn meine Suche bis jetzt ziemlich, tja, frustrierend gewesen war. Von Wanna-be-Faith-No-More-Dilletantis über Pseudo-Hardcore-Punk-Amateure bis hin zu irgendwelchen so halb gut tätowierten Poserbands, die Mötley Crüe nacheiferten, aber es nicht mal schafften, länger als eine halbe Strophe – wenn überhaupt – im Takt zu bleiben und deren eigene Songs sich anhörten, als habe sie ein 10-Jähriger Autist komponiert, war alles dabei gewesen.
Dennoch war ich mir immer noch sicher, dass die Chancen, hier in Berlin eine passende Band zu finden, ungleich höher als in meiner alten Heimat waren, da der überwiegende Großteil der Rockbands eigene Songs spielte. Coverbands waren in der bis vor kurzem noch geteilten Stadt – außer im Unterhaltungs und Tanzbandbereich – glücklicherweise nicht wirklich angesagt.

Die Anzeige von Jan und Alice klang sehr vielversprechend, weshalb ich beschloss, mich mit den beiden zu treffen. Das Ecstasy kannte ich bis jetzt nur vom Hörensagen. Eine Rock-Disco in Schöneberg an der Grenze zu Steglitz über zwei Etagen. Inklusive einer Auftrittsmöglichkeit für Bands. Jan hatte mich am Telefon ein bisschen bezüglich Depp Jones schlau gemacht: Neue Band von Bela B, Ex-Drummer der Ärzte. Nicht zu vergleichen mit den Ärzten. Richtig guter, harter Rock. Mit Beckmann, Ex-RAINBIRDS, am Bass und Rodrigo Gonzales an der Gitarre. Die Rainbirds sagten mir was, dieser Rodrigo Gonzales eher weniger. Ebensowenig wie die Vorband, STONE, COLD & CRAZY.

Es war inzwischen kurz vor 21 Uhr und ich fuhr das dritte Mal ums Karree: Hauptstraße. Eisenacherstraße. Belzigerstraße. Akazienstraße. Und zurück auf die Hauptstraße.
Aber: Nüschte. Nix. Nada. Kein Parkplatz weit und breit.
Was vermutlich nicht unwesentlich mit der Tatsache zusammenhing, dass das Viertel nordöstlich des Innsbrucker Platzes zwischen o.g. Straßen mehr oder weniger ein reines Wohnviertel war und diejenigen Anwohner, die nach der Arbeit einen Parkplatz in fußläufiger Nähe ihrer Butzen ergattert hatten, diesen freiwillig auch nicht mehr hergaben. Meine alteingesessenen Berliner Neu-Bekannten hatten mich hinreichend gewarnt: „Vergiss es!“ – „Lass das Auto stehen, nimm die Öffentlichen!“ – „Findest eh nirgendwo einen Parkplatz!“ – „Bei den ganzen Staus biste schneller mit der U-Bahn!“ – „In Berlin braucht man kein Auto!“ etc. etc.
Zwischen den Zeilen konnte ich ihren gut gemeinten Ratschlägen entnehmen, dass es vor dem Mauerfall durchaus möglich gewesen sein musste, ab und an einen Parkplatz zu ergattern. Und an ausgewählten Tagen und zu ausgewählten Uhrzeiten sogar staulos mit dem Auto von Ch’burg nach X-Berg oder Steglitz zu kommen. Ich bezweifelte das. Zumal der Großteil meiner alteingesessenen Berliner Neu-Bekannten keinen Führerschein besaß und damit auch keinerlei Erfahrungen mit dem Autofahren in Berlin nachweisen konnte.

Kein Führerschein? Kein Auto?
In meiner alten Heimat der Pfalz undenkbar. Versucht da mal mit den ‚Öffentlichen‘ von einem Kaff wie Sembach, Trippstadt oder Bann an einem Samstagabend zu einem Konzert in Pirmasens, Homburg oder Zweibrücken zu kommen. Und zurück. Weit nach Mitternacht!
Keine Chance. In der Pfalz brauchte man einfach ein Auto, es war quasi überlebenswichtig. Und ich hatte beschlossen, auch in Berlin eins zu brauchen. Von Anfang an hatte ich die Stadt mit meinem versifften Golf II, Baujahr ’85, und dem zerknitterten Falkplan auf dem Beifahrersitz, bezwungen. Wäre ich genötigt gewesen – z.B. aufgrund eines länger andauernden Werkstattaufenthalts des Golfs -, auf U-Bahn oder Busse umzusteigen, ich wäre komplett verloren gewesen. Ich kannte nur die Wege die auf dem Falkplan verzeichnet waren, nicht die unter der Stadt.
Trotz der vielen Staus und des Verkehrs fand ich Autofahren in Berlin viel entspannter als in der Pfalz, wo es einfach zu viele unberechenbare Vollkatheter aus irgendwelchen inzestuösen Käffern der Umgebung gab. Natürlich gab es in Berlin auch einige – ziemliche viele! – Vollkatheter am Steuer, aber es fehlte irgendwie der, tja, inzestuöse Aspekt.

Irgendwann fand ich eine Parke, direkt um die Ecke in der Eisenacher. Es war kurz nach 21 Uhr. Vor dem Rundbogeneingang des Ecstasy hatte sich schon eine beachtliche Menschenmenge gebildet. Die neue Band eines Ex-Arztes wollte sich hier offensichtlich niemand entgehen lassen.
Ich drängte mich an den ganzen Bandshirt-Trägern, darunter einige Mädels in, tja, DIE ÄRZTE-Shirts, vorbei, zahlte meinen Eintritt und betrat das Ecstacy. Ich brauchte eine Zeit, um mich zu orientieren, denn der Laden war riesig. Eine Treppe führte nach oben, geradeaus ging es in die Disco, links zwei geöffnete Schwingtüren, durch die langhaarige Rocker ein und ausgingen.
Dürfte klar sein, wohin ich mich wandte…
Und lag richtig damit: Eine Bühne. Ein Drumkit. Gitarren. Bass. Mikroständer. Der Schriftzug von Stone, Cold & Crazy hinter den Drums.

Ich hielt nach Jan Ausschau. Laut Selbstbeschreibung hatte er schulterlange schwarze Haare, trug eine Lederjacke, Lederhosen und Cowboyboots.
Problem: Hier trug jeder zweite eine Lederjacke, hatte schwarze längere Haare und an den Füßen Cowboystiefel…
Bevor ich dazu kam, mich intensiver mit dieser doch recht irritierenden Situation auseinanderzusetzen, tippte mir jemand auf die Schulter.
„Matze?“
Ich drehte mich um. Ein Typ in – Überraschung! – Lederhosen, Cowboyboots und mit Lederjacke.
„So sieht’s aus“, erwiderte ich – wie ich hoffte – so halbwegs cool.
„Jan. Hi.“
Wir schüttelten ausgiebig Hände, waren uns sofort sympathisch. Er meinte, er habe mich an meiner fadenscheinigen, ehemals blauen aber inzwischen doch recht ausgeblichenen Jeansjacke, den langen, in hennarot gefärbten Haaren, meinen Adidas-Tretern und dem THE CULT-Shirt erkannt.
Hatte ich diese ganzen Details echt am Telefon erwähnt? Konnte mich nicht wirklich dran erinnern, schien aber Fakt zu sein.

Wir grinsten uns eins, dann stellte er mir seine Freundin Alice vor. Wenn ich damals schon die Berliner Band SKEW SISKIN gekannt hätte, hätte ich wahrscheinlich gedacht, Alice sei ein Klon von Nina, der Sängerin von Skew Siskin, und wäre nicht ganz so unvoreingenommen gewesen, wie ich es bei unserem ersten Treffen gewesen war. Jahre später kam heraus, dass Alice die kleine Schwester von DAVID SYLVIAN war. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich sie wahrscheinlich um ein Autogramm ihres Bruders gebeten.
Na ja, oder auch nicht…

Bevor wir dazu kamen, uns ausgiebiger über Smash ’n Grab, das angedachte Projekt der beiden zu unterhalten, ballerten uns Stone, Cold & Crazy das Hirn weg. Jan klärte mich auf, dass die beiden – ziemlich geilen – Gitarristen Rubbel und Gary hießen und der Sänger, der so perfekt die Gestik und Mimik eines Mike Patton draufhatte, Nopper. War mal früher Roadie bei den Ärzten gewesen.
Dass Rubbel (aka Robert Oberhardt) einige Jahre später der Gitarrist meiner Band EGGMEN FIVE werden und Beckmann und Felsenheimer (aka Bela B.) von Depp Jones Kumpels sein würden, war zu der Zeit natürlich nicht wirklich absehbar…

Gegen 23 Uhr enterten Depp Jones die Bühne. Bela hatte offensichtlich auch sehr akribisch Mike Pattons Bühnengebaren studiert. Die Jungs rockten. Hart und schnell. Mir persönlich fehlten die Melodien und die Songs. Kein Track blieb wirklich hängen, alles ballerte, aber irgendwie rauschte es auch komplett an mir vorbei. Nicht wirklich mein Ding. Ich stand auf Songs zum Mitsingen, Melodien, Refrains die im Ohr kleben blieben. Jan ging es genauso, weshalb wir uns auch irgendwann in den Vorraum verzogen, um zu quatschen. Aber eigentlich war alles gesagt: Wir würden es zusammen versuchen. Jan hatte auch schon eine Fotosession im Studio eines professionellen Fotografen arrangiert, den er noch aus seinen Zeiten als Schauspieler – er spielte in dem Kinofilm ‚Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo‚, damals noch unter seinem realen Namen Jan Georg Effler, die Rolle eines Junkies – kannte. Als Fake-Drummer für die Fotosession hatte er ‚Steve The Machine‘, laut seinen Worten einer der besten Rock-Drummer Berlins, am Start.
Klang alles super spannend.
Wurde aber leider nichts draus.
Jan und Alice waren einfach nicht mein Ding, wie ich ein paar Wochen und Proben später herausfinden durfte. Weil: Die beiden waren ein Paar, aber keine Band. Selbst mit mir als Basser fehlte immer noch ein fester Drummer, denn ‚Steve The Machine‘ hatte so viele Bands und Projekte am Start, dass er offensichtlich nicht wirklich das Bedürfnis verspürte, fest bei einer Band einzusteigen.
Aber das Hauptproblem war: Die Songs waren alleine Jans Ding. Und er hatte leider keinerlei Interesse an einem weiteren Songwriter. Und das kam nach meiner Richard Head Band-Erfahrung nicht in Frage. Ich wollte eigene Songs schreiben, nicht die Songs anderer Songwriter covern. Ob diese nun John Fogerty, Bryan Adams oder Jan Lankwitz hießen…

Was von Smash n‘ Grab blieb: tolle, professionelle Pix und ein neues Tribal-Tattoo auf dem linken Oberarm bei einem Tätowierer in Moabit, den Alice mir empfohlen hatte. Die Smash ’n Grab-CD ‚Inheritance Of Power‚, die 1992 bei EMI erschien, fand ohne mich statt.

September 1992

Smash 'n Grab(v.l.n.r.: Steve The Machine, Jan, Alice, der Autor)

Nachtrag: Kein halbes Jahr nach dem Depp Jones-Gig in dem Jahr, in dem die UDSSR implodierte und an dem Abend, als die USA in das vom Irak annektierte Kuwait einmarschierten – stand ich zum ersten Mal mit Eggmen Five auf der Bühne des Ecstasy als Vorprogramm der Bellies (= BELLYBUTTON & THE KNOCKWELLS).
Mit den Bellies – Tom, Peter, Ochi, Mike, Gerald, Rolf – verband uns danach über die Jahre eine innige Freundschaft. Die Bellies waren auch die Band, mit der wir aufgrund unseres gemeinsamen Bookers, die meisten Gigs zusammen spielten. Hauptsächlich im Ländle.

Aber dazu demnäx mehr! 🙂

Lektüre August 1990: Hubert Selby – Letzte Ausfahrt Brooklyn / John Irving: Owen Meany

Alben August 1990: Mind Funk / Pantera: Cowboys From Hell / Prong: Beg To Differ / Rush: Presto / Dogs D’Amour: Errol Flynn / D.A.D.: No Fuel Left For The Pilgrims

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